Chirurgiefälle


Ich bin am Strand. Ganz ganz weit weg. Die Sonne geht gerade unter, aber es ist immer noch schön warm und ich spüre den von der Sonne erwärmten Sand unter mir. Ich sitze am Ufer und denke an gar nichts. Alles scheint so friedlich und das Meeresrauschen ist einfach nur beruhigend, wie Musik in meinen Ohren. Die Sonne wird sich noch ein paar Minuten lang in all ihren Farben im Meer spiegeln, es scheint wie gemalt. Was ist das nur für ein wunderschöner Ort…

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Leider ist das Einzige, das ich unter mir spüre, die doofe Schaummatratze auf meinem Krankenhausbett, das schon so alt ist, dass die Fernbedienung nicht mehr richtig funktioniert und die Bremse sich nicht mehr feststellen lässt. Und das Meeresrauschen wird durch Verkehrslärm ersetzt.

Vor genau einem Jahr war ich mit einer Freundin auf Mallorca und ich würde so ziemlich alles dafür geben, dass ich dort jetzt auch wäre.

Stattdessen liege ich flach auf dem Rücken und ziehe mir die Bettdecke bis zur Nase. Am liebsten würde ich sie mir komplett über den Kopf ziehen.

Ich habe jetzt strenge Bettruhe einzuhalten. Das bedeutet: nicht aufstehen, nicht auf Toilette gehen, nicht mal auf den Toilettenstuhl. Nicht hinsetzen, einfach nur liegen bleiben. Und ja, es ist genau so anstrengend und langweilig wie es sich anhört!
M&M wurden beide entlassen, jetzt vegetiere nur noch ich hier rum und das macht die Situation umso schlimmer.

Ich wäre jetzt so gerne am Strand… mit Menschen, die ich gern habe.

Heute Mittag ist das Stoma zum 4. Mal prolabiert (in 3 Tagen) und letzte Nacht musste wieder mal ein Chirurg antanzen, der ziemlich viel schlechte Laune mitbrachte. Die Kinderklinik ist momentan noch etwas vom Hauptgebäude entfernt und ich wäre ehrlich gesagt auch nicht so scharf darauf, diesen Weg mitten in der Nacht zu laufen. Aber so ist das nunmal mit dem Notdienst…
Ich habe den Darm ja immerhin nicht mit Absicht prolabieren lassen und die beiden Pädiater, die in der KiKlinik Dienst hatten, haben den Darm nicht wieder in den Bauch bekommen.

Der Chirurg hat es später geschafft, aber eins muss ich echt mal sagen:
Chirurgen sind solche Grobmotoriker!!!

Vielleicht nicht alle, aber die Allermeisten!

Also liebe Chirurgen, vergesst nicht, dass ihr mit Patienten, die gerade nicht narkotisiert auf dem Op-Tisch liegen, anders umgehen solltet, wenn ihr an ihnen rumbastelt.
Wir haben Gefühle! (Hier jetzt bitte dramatische Musik vorstellen.)

Mir wurde mal von jemandem eurer Gattung Blut abgenommen… Das war keine Venenpunktion mehr, das war ein Gemetzel:
Einfach mal in den Arm reinstechen! Vene nicht getroffen – scheißegal. Stochern wir halt mal ein bisschen rum, irgendwann muss man die Vene ja treffen. Ups, das war nicht die Vene, egal, stechen wir noch mal rein, vielleicht war sie es ja doch. Ah, ne doch nicht. Achso, das tut weh? Die anderen Patienten stellen sich nie so an und die haben genau so schlechte Venen. Ach, Sie sind ja gar nicht propofoliert. Oh.

Das ging die ganze Zeit so. Dann bitte doch lieber noch mal die Kanüle ziehen und ganz neu versuchen, der Einstich ist angenehmer, als das drin-rumpulen, glaubt mir.
Das gilt übrigens auch an alle nicht-Chirurgen, die jemandem Blut abnehmen!

Das Beispiel war jetzt etwas übertrieben, aber man merkt jedenfalls ziemlich krass den Unterschied zwischen nicht-Chirurgen und Chirurgen.

Beispiel 2.
Nachts versucht der Chirurg meinen Prolaps wieder zurückzuschieben. Obwohl, nein – „zurückzuschieben“ hört sich so harmlos an, so zart und vorsichtig.
Aber nein.
Ein Chirurg schiebt keinen Darm zurück. Wo sind wir denn?!
Ein Chirurg quetscht einen Darm zurück, setzt sich Ohrenschützer auf und presst den Darm mit einem Presslufthammer zurück in den Bauch. Und funktioniert das alles nicht VERDAMMTE SCHEISSE, dann nimmt er Anlauf, springt mit einem doppelten Salto-Schraube-Radwende-FlickFlack auf den Patienten und katapultiert den Darm in den Bauch.
Oh, Leber, Blase und Fuß wurden dabei beschädigt, aber macht doch nichts, das bringen wir auch noch schnell in Ordnung. ATTACKEEEE.

Das sind Chirurgen.

Patient tot, aber das Problem ist behoben!

(Dieses Beispiel war natürlich überhaupt nicht übertrieben und entspricht der vollen Wahrheit.)

Zurück zum ursprünglichen Problem.

Gestern hieß es noch: „Vielleicht war das mit dem Prolaps ja eine einmalige Sache und dann kannst du morgen nach Hause.“

Heute morgen begrüßte mich meine Ärztin ungefähr mit den Worten „Wir haben zwei Optionen. Entweder fahren wir dich wieder nach K.
(Was? Oh Gott, nicht nach K.!)
und du wirst da operiert
(Waaaas?!?)
oder
(Oh mein Gott, es gibt noch eine andere Möglichkeit, puh!)
du wirst hier operiert.“
()

😀

Ich soll also doch wieder unters Messer.

Aaaaaaber heute Abend kam meine Stomatherapeutin vorbei und ich werde am Donnerstag eine Bauchbandage bekommen, die extra für meine Stomaversorgung und meinen Bauch angefertigt wird.

Vielleicht können wir dadurch vorerst eine Op umgehen, aber genau wissen wir es noch nicht.

Ich melde mich in den nächsten Tagen wieder und liebe Chirurgen, nehmt mir meinen Blogeintrag nicht übel. 🙈
Ohne euch wär ich nicht mehr hier.

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Über Überlebenskünstlerin

20 jährige Bloggerin, die über ihr Leben mit Colitis ulcerosa und Autoimmunhepatitis bloggt.
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4 Antworten zu Chirurgiefälle

  1. Rosemarie Laps schreibt:

    man man man liebe Pia, du und dein Galgenhumor. Wie sieht es denn mit deinen Blutwerten aus, bessert sich denn wenigstens da irgend etwas? Es muss doch auch mal was Posisives, nein einen Schritt vorwärts gehen und nicht zwei zurück. ich bewundere dich echt, so tapfer du bist und alles so erduldest.
    Kämpfe weiter, ich drücke die Daumen.
    Und mit dem Abiball schade, dann freue dich auf nächstes Jahr, dann hast du noch Zeit in Ruhe ein schickes Kleid zu kaufen und nicht hopplahopp brauche schnell eins.
    Alles Liebe Kopf hoch du zu bewunderndes Kind, ich ziehe meinen Hut vor dir.

  2. Supra schreibt:

    Hmm, hätte ich dich doch lieber mit ans Meer genommen.

    • Soll ich die 112 anrufen und sagen „Ich muss ans Meer, das ist ein Notfall!“ ?

      • Supra schreibt:

        Ja, ich glaube, so kommst du ganz gut durch.
        Vielleicht noch paar andere Sachen erwähnen und dann klappts hoffentlich.
        Pia, ich wünsche dir viel Kraft weiterhin. Du hast 5 Keime überstanden, da schaffst du auch die nächsten Tage! Und dann gehts bestimmt ans Meer!

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